Verschwörung im Schulhaus

“A lie gets halfway around the world before the truth has a chance to get its pants on.” (Winston Churchill)

 

Winston Churchill war seiner Zeit fraglos voraus! In Zeiten des schnellen Internets gelingt die Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten aller Art besser denn je. Wie das genau passiert und was unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit damit zu tun hat, dieser Frage gingen wir im wissenschaftspropädeutischen Seminar in Englisch von September 2018 bis Januar 2020 auf den Grund.

 

Zum Abschluss lud das W-Seminar Conspiracy Theories – why they occur and how they prevail am Montag, den 27.1.2020, in die Oberstufenbibliothek des EGF und angrenzende Räume zu einer wissenschaftlichen Konferenz, um das Ergebnis unterschiedlichster Schülerarbeiten zu diesem Rahmenthema vorzustellen.

 

Mit von der Partie war Herr Dr. Marius Raab vom Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sein Buch „Am Anfang war die Verschwörungstheorie“ und sein Input bei mehreren Besuchen in unserem Seminar ermöglichten den Schülerinnen und Schülern Einblicke in die Art und Weise, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen und ermöglichte ihnen, das Thema aus einem psychologischen Blickwinkel zu betrachten.

 

Nach Abgabe der in der Fremdsprache verfassten Arbeiten im November 2019 hieß es für die 11 Schülerinnen und Schüler, die zu vielfältigen Themen aus den Bereichen Geschichte, Literatur, Film und human interest geforscht hatten: „Nach der Arbeit ist vor der Arbeit“. Nun waren sie aufgefordert, Poster zu erstellen, die die Quintessenz ihres Themas einem breiteren Publikum präsentieren sollten. Ganz so, wie es Forscher auf der ganzen Welt tun, wenn sie sich zu bestimmten Themen austauschen wollen.

 

Theorie ist nicht gleich Theorie

 

Kreationisten, Klimaleugner, Chemtrailgegner und Flatearthers haben eines gemeinsam: sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, dass eine wissenschaftliche Theorie nichts Unumstößliches ist. In der Mathematik gibt es Beweise, in der empirischen Forschung dagegen entwickelt man Hilfe dessen, was wir wahrnehmen und erfahren können, Theorien, die solange Gültigkeit besitzen, bis neue Parameter oder andere Betrachtungswinkel und Messverfahren gegebenenfalls eine Anpassung der Theorie erfordern. Das beschreibt in groben Zügen das Prinzip der Falsifizierbarkeit von Karl Poppers Wissenschaftstheorie, dem sich ernst zu nehmende Forscherinnen und Forscher auf der ganzen Welt verpflichten. Die Stärke einer Theorie misst sich nicht an ihrer Beweisfähigkeit, sondern an ihrer Standhaftigkeit. Wenn eine Theorie durch neue Methoden und Betrachtungswinkel bestätigt wird, wird sie im wissenschaftlichen Konsens als gängige bestmögliche Annährung an die Wirklichkeit angenommen.

 

Verschwörungstheoretiker wittern darin ihre Chance, denn wenn etwas „bloß eine Theorie“ ist, dann kann man munter auch andere Theorien neben ihr gelten lassen. Und wenn diese anderen Theorien dann auch noch „Beweise“ für Dinge liefern, die uns bisher Rätsel aufgegeben haben, umso besser!

 

Verschwörungstheorien treten also gerne dort in Erscheinung, wo es Wissenslücken gibt, z.B. durch Geheimhaltung von Material (wie bei unseren historischen Themen zu 9/11 und der Ermordung von JFK, aber auch Area 51), oder, wo durch die Überschreitung unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten eine Falsifizierung nicht oder nur schwierig möglich ist (Klima, Kreationismus, Flatearthers). Solche Lücken schließen Verschwörungstheoretiker mit viel Akribie und Fantasie. Sie überhäufen uns mit vermeintlichem Fachwissen, bringen unsere Überzeugungen ins Wanken und fühlen sich mächtig dabei.

 

Zweifeln, Glauben, Wissen

 

Anhand von absurd erscheinenden Theorien sind wir der Frage nach gegangen, welche Fallstricke des Denkens – die oft nur allzu menschlich sind – unserer Vernunft häufig im Wege stehen, wie beeinflussbar wir sind und was unsere Vorliebe für Rätsel und Puzzle mit dem Erstarken von Verschwörungstheorien zu tun hat. Unser Fazit nach eineinhalb Jahren Verschwörungsseminar ist, dass wir uns davor hüten müssen, den Zweiflern zu glauben. Denn Zweifeln ohne Grundlage ist wertlos, das kritische Denken aber ist immer noch das verlässlichste Instrument, mit dem wir unsere Welt erfassen können.

 

Lassen wir unsere Vernunft niemals außen vor und folgen auch nicht denen, die sich dazu verleiten lassen.

 

Andrea Hecking